Donnerstag, 29. Oktober 2009

zum Weiterspinnen auch im Kopf

Das Bildungserlebnis am Spinnrad


Verfasst
von
Sabine Erkeling-Bruhn im Mai 2009



Der Kluge lernt nach dem ersten Mal,
der Dumme nach dem x-ten Fehler,
der Weise lernt nie aus.

I. Vom Abfall zum Einfall: Spinnen bildet?


II. Dimensionen des Spinnens


III. Was ist Bildung?


IV. Spinnen: Ein Prozeß mit Bildungscharakter !


V. Literatur und Internetquellen












I. Vom Abfall zum Einfall: Spinnen bildet?


Es dreht sich das Spinnrad am Abend,
es schnurrt ohne Unterlaß.
Nichts ist so erquickend und labend
wie Spinnen. Es macht so viel Spaß.

Meine Beschäftigung mit und an dem Spinnrad stellt eine
Faser in meinem Lebensfaden dar:

Der Beginn meines kreativen Schaffens war stets eng mit Material, dessen ursprünglicher Verwendungszweck erfüllt gewesen war, verbunden. Abfall, Müll regte meine Phantasie an: Was steckte in der Milchverpackung? Ein Laternchen! Wie wirkt der grüne Erdbeerstrunk in selbst geschöpftem Papier? Wunderbar! Zeitschriften luden zum Collagieren ein, keine leere Dose entging der Serviettentechnik....

WOLLE kam ebenfalls dergestalt auf mich zu. Ein befreundeter Schäfer drückte mir einen Beutel frisch geschorener Wolle in die Hand. Für ihn FIEL die Wolle bei der Schur AB. Die 30 Cent pro Kilo, die die Wollannahmestelle ihm damals gab, deckten nicht mal die Spritkosten für den Transport der Wolle. WOLLE hat sich seit vier Jahren in einen Anfallstoff verwandelt: Er weckt jedes Jahr zur Schurzeit einen Anfall an Begeisterung bei mir.
Neben dem Erlernen neuer Techniken wie Spinnen und Filzen nahm ich auch meine Fertigkeiten im Stricken und Häkeln wieder in mein Leben auf, um die Berge von selbst hergestelltem Garn weiter zu verarbeiten.
Es verknüpften sich bisher Gelerntes, in der Kindheit erworbenes Wissen und Können des textilen Gestaltens mit neuem Tun rund um die Wolle.
Angeregt durch den Artikel von A. „Spinnen als Therapie“ entwickelte ich die Idee, mein Studium der Familienpädagogik mit dem Schwerpunkt Familienbildung als eine meiner weiteren Lebensfadenfasern mit meiner jetzigen (Hobby-) Tätigkeit zu verknüpfen.
Viele Gestaltungs- und Entwicklungsprozesse rund um das Thema Wolle und insbesondere am und um das Spinnrad weisen Merkmale auf, die ebenfalls für Bildungsprozesse charakteristisch sind. Neben dem Erlernen eines Handwerks, was eine
Qualifizierungsmaßnahme darstellt, ergeben sich AHA-Erlebnisse; altes Wissen wird mit Neuem verknüpft. Fragen über kulturgeschichtliche Zusammenhänge entstehen unwillkürlich. Auch der ökologische Aspekt der Wolle als nachwachsender Rohstoff schwingt beim Spinnen immer mit.
Viele unserer Zunft werden die Erfahrung gemacht haben, dass die Ausübung unseres Handwerks von so manchem Zeitgenossen mit „Verrücktsein“ gleichgesetzt wird. Ungläubiges Staunen und Verwunderung, dass es Handspinner auch heutzutage (wieder ) gibt, sind noch nette Reaktionsweisen auf unser Tun. Dem sich lustig machenden und manchmal auch verächtlichen Ausruf:
„ Hohoho, die spinnen ja!“ entgegne ich meine These: SPINNEN BILDET!














II. Dimensionen des Handspinnens

Tradition heißt nicht, Asche zu bewachen sondern die Glut anzufachen.

Wer am Spinnrad aus unzähligen Fasern einen Faden zustande bringt, stellt sich an das Ende jener Reihe von Menschen, die sich schon vor Urzeiten mit „ ...künstlich erzeugten sogenannten Textilien...“ beschäftigt haben .
„ Ganz zwanglos öffnet sich über das Tun
( des Spinnens d. V.) die Tür zur uralten Geschichte der Kleidung, fürs Überleben so wichtig wie Essen, Trinken und Wohnen.“ schreibt Karl-Heinz Rieckmann in einem Brief an Zuschauende bei Spinnvorführungen.


Handwerk hat goldenen Boden

Das Handspinnen als Handwerk bedarf vieler Lernprozesse. Die Beschäftigung mit tradiertem Wissen ist jedoch nur eine Seite. Wichtig ist ebenfalls die Hand-Arbeit. “Die Arbeit mit der Hand scheint in unseren kopfbetonten Zeiten vielen zu fehlen- wir haben sie uns zurückerobert. “

Was uns die Erde Gutes spendet...

Mittels des Spinnens wird ein nachwachsender, die Umwelt nicht belastender Rohstoff verarbeitet. Wenig Energie- außer Tatkraft und Ausdauer- wird verbraucht, um diesem Hobby nachzugehen. Selbst das Waschen, Kämmen und Weiterverarbeiten geht bei vielen von Hand. Durch Weben, Häkeln, Stricken, Filzen o.ä. entstehen einzigartige Kunst-Werke.

Rinne Fädchen rinne fein
Immer durch die Hände mein,
rinne Fädchen es ist Zeit
brauch ein neues Kleid.

Emanzipiert von Konsumterror und Einheitslook tragen viele Wollverarbeitende ihre selbsterstellte Kleidung. „ Lust auf schöne, individuelle Kleidungsstücke aus guten, unbehandelten Rohstoffen(…) aus Material, das sonst vielleicht einfach weggeworfen wäre(…), und den Entstehungsprozess ganz allein ´in der Hand` zu haben, ist für viele ein Gefühl, das sie nicht mehr missen möchten.“ In dem „Selbst- Gemachten“ stecken eine Vielfalt von Entscheidungen: Welche Wolle wird gewählt? Wie soll die Faden-Stärke bemessen sein? Welche Zwirnung ergibt den gewollten Effekt?...

Ich bleibe auf dem Teppich meiner Möglichkeiten und hoffe, dass er fliegen kann.

In persönlicher Hinsicht stellt das Arbeiten am Spinnrad eine immense Bereicherung dar. Ich wage zu behaupten, dass heutzutage in unserem Kulturkreis niemand das Spinnen am Rad ohne Neugier und Interesse gelernt hat. Wer dieses Lernen will, begibt sich auf die (mögliche) Reise in die unendlichen Weiten der Faser.
Der Neuling am Rad riskiert zunächst den Mißerfolg, übt sich in Geduld, gewinnt an Erfahrung und Können. Die Last des Alltags fällt ab, läßt man sich auf die meditative Ebene des Spinnens ein. Anke Culemann beschreibt in ihrem Artikel „ Spinnen als Therapie“ anschaulich die Selbsterfahrungs- und erkenntnisprozesse, die beim Spinnen in Gang gesetzt werden können.

Nun Freunde lasst es mich einmal sagen, gut wieder hier zu sein, gut euch zu sehn. Mit meinen Wünschen, mit meinen Fragen fühl ich mich nicht allein, gut euch zu sehn.

Verlassen die Spinnenden das heimische Wohn(=Werk-)zimmer und schließen sich einer Spinngruppe an, erweitert sich der Horizont; Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten werden ergänzt durch die Mit-Tuenden. Über das Spinnrad erschließen sich neue Welt-Sichten in Gesprächen, die weit über das verbindende gemeinsame Spinnen hinaus reichen. „Die Spinngruppe (…) hat sich zu einem Ort der Inspiration entwickelt, einer Ideenbörse, in der der Austausch mit (… Anderen, d. V. ) weit über das Hobby hinausgeht (…) Im Spinnkreis werden lebenspraktische Tipps ausgetauscht, Kontakte geknüpft, Unternehmungen geplant und Pläne geschmiedet.“
In meiner Spinngruppe z.B. gibt es kunstreiche Näherinnen, eine Klöpplerin, Patchworkerinnen, Dichtende, Musizierende, Politikerinnen, Fotografinnen, Archivarinnen, Weberinnen, Strickerinnen, Gärtnerinnen u.v.m . Ein Großteil der benutzten Spinnräder ist von einem Mitglied selbst gebaut.
Ein Riesenschatz an Lebenserfahrung, Lust und Frust inbegriffen, Kreativität und Neugier- auch aufeinander- eröffnet sich, legen wir unsere Talente zusammen.




III. Was ist Bildung?

Man wird älter als ´ne Kuh und lernt immer noch dazu.

Bildung umfaßt sowohl die Aneignung von Kenntnissen als auch den Erwerb von sozialen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Es besteht “...die Notwendigkeit der Verbindung von Wissen und Kompetenz, sowie von Welt und Selbst...“ .
Ein Lernprozeß stellt jedoch noch keinen Bildungsprozeß dar. Ohne Lernprozeß allerdings kann kein Bildungserlebnis stattfinden.
Bildung erfordert“...eine bestimmte Qualität des Lernens, nämlich reflexives Lernen. Die Lerninhalte müssen relevant sein, d.h. individuell und gesellschaftlich bedeutsam, sinnvoll wichtig. Während Lernen als rezeptive Aneignung von Information möglich ist, erfordert Bildung eine Verbindung von neuem Wissen mit eigenen Erfahrungen. Lerninhalte können dem Selbst äußerlich bleiben(...d. V. ), zu Bildungsinhalten werden Lerninhalte erst durch die Verknüpfung mit der eigenen Lebensgeschichte, mit der Identität, sie begründen und bereichern die Persönlichkeit.“
Was letztlich den Bildungsprozeß ausmacht, wie er bewertet und charakterisiert wird, verbleibt dem sich Bildenden, denn niemand kann – dem beschriebenen Bildungsbegriff zufolge- schließlich gebildet werden. Es können Themen, Methoden, Zeit und Raum angeboten werden , die das Individuum nutzt, um seine geistigen, kulturellen und lebenspraktischen Fähigkeiten und seine persönlichen und sozialen Kompetenzen zu erweitern.

Wir können und müssen lebenslang lernen, um in den Veränderungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht unterzugehen.
Wir können und sollten lernwillig und –bereit sein, um mit unseren individuellen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen umgehen und diese (mit-) gestalten zu können.

Lern- und Bildungsbereitschaft sind Grundvoraussetzung für die Entwicklung und Stärkung positiv erlebbarer, konstruktiver, persönlicher und sozialer Handlungsspielräume. Sie ermöglichen die Teilhabe verantwortlich handelnder Individuen am Geschehen Gesellschaft.

IV. Spinnen – ein Prozeß mit Bildungscharakter

...Sehr gut das Handwerk tut dem Geist, mit Herz und Hand geschieht ´s zumeist...

Es liegt auf der Hand, dass beim Spinnen Lernprozesse erforderlich sind. Ohne den Erwerb von Wissen um die Technik, ohne die Koordination von Kopf, Hand und Fuß ist kompetentes Spinnen nicht möglich.
Sind die Lerninhalte des Spinnens relevant, bedeutsam in individueller und gesellschaftlicher Hinsicht?
Ich meine diese Frage klar bejahen zu können. Wie in Kapitel II. ausgeführt, umfaßt das Spinnen kulturgeschichtliche, ökologische, personale und soziale Dimensionen.
Der Lerninhalt des Spinnens kann in dem Moment der Besinnung, „... der Verknüpfung mit der eigenen Lebensgeschichte mit der Identität...“ zu einem Bildungsinhalt werden.
In meiner Spinngruppe tauchte die Frage auf, ob unsere schulischen Erfahrungen uns gebildet hätten.
Der in Kapitel III definierte Bildungsbegriff schließt mit ein, dass schulische Lerninhalte Bestandteile von Bildungsprozessen werden können.
Das Schulfach „Textiles Gestalten“ z.B. war mir selbst nicht immer Anlaß zur Freude. Wie mühsam empfand ich das Nähen, Knüpfen, Häkeln und Stricken. Insbesondere den Anforderungen, gleichmäßig und ordentlich zu arbeiten, vermochte ich selten nachzukommen.
Indem ich unzählige Knäuel Wolle beim Spinnen „produzierte“, wurde mir bewußt, dass diese eine Weiterverarbeitung erfordern. So griff ich auf mein Schulwissen zurück und entwickelte fernab der normativen Vorgaben von Lehrkräften und genauer Anleitungen einen mir ganz eigenen Stil der Verarbeitung. Das spielerische Tun innerhalb meiner Möglichkeiten, die Reflexion meiner Begrenztheit einerseits und Entgrenzungsfähigkeit andererseits ermöglichte die Revision meines Selbstbildes als Schülerin.

Analog zum Handspinnen hat auch das geistige Spinnen eine ungeheure Faszination. Spinnen ist...
 ... unkonventionelles Denken,
 ... sich Unerhörtes ausdenken,
 ...Visionen haben,
 ...grenzenlos in alle Richtungen assoziieren,
 Neues erfinden.

„ Wir Handspinner sind aber nicht die letzten Vertreter einer aussterbenden Spezies, sondern die Avantgarde einer Gesellschaft, die sich auf ihre Fähigkeiten besinnt, das Selbstgemachte schätzt und abseits vom trügerischen Wert des Geldes aus den Gaben der Natur echte Werte hervorbringt.“

Spinnende begeben sich in kreative Prozesse.
Sie besitzen die Fähigkeit schöpferischen Denkens und Handelns.
Spinnen schreibt die Kulturgeschichte weiter.
Spinnen bildet einen Gegenpol zur technisierten, entfremdeten und individualisierten Welt.
Spinnen ist individuell und sozial bedeutsam.
Spinnen und Bildung schließt sich nicht aus!





V. Literatur und Internetquellen

 Uni. Prof. Dr. Heide von Felden: Lebenslanges Lernen, Bildung und Biographie. Eine Verknüpfung von Bildungs- und Biographieforschung, Mainz 2004
 Ulrike Büttner : Eine kleine Geschichte des Spinnens , www.filzfee.de
 Karl-Heinz Rieckmann unveröffentlichter Brief an Zuschauende bei Spinnvorführungen, Bad Driburg 2007
 Horst Siebert: Erwachsenenbildung als Bildungshilfe, Bad Heibrunn/ Obb. 1983
 Barbara Orfeld: Spinnen in der Großstadt, www.handspinnen.info gestaltet von Birgit Lumma

Kommentare:

  1. Hallo Sabina,
    wollte nur mal Hallo sagen und dich ganz lieb grüßen von den "Bunten Faden".
    gruß
    Sylvia

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  2. Hallo Ihr Lieben...
    Auch ich möchte Euch Herzlich Grüßen...
    Habe lange nichts von Euch gehört..hoffe aber es geht Euch gut ???
    Sabine ich warte immernoch das wir uns mal sehen wegen der Tongewichte und mein Buch.....
    Liebe Grüße
    Ingrid

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  3. Habe deinen Artikel, gerade erst entdeckt und finde ihn wunderbar geschrieben und sehr geistreich.
    Schön dass ich dich anregen konnte.
    Herzliche Grüße
    A.

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