Dienstag, 5. Oktober 2010

VLOTHOER ANZEIGER schreibt zum Treffen der Handspinngilde 2010:

Spinnen - von wegen altmodisch

Sechstes Jahrestreffen der Handspinngilde mit 84 Aktiven im Bildungszentrum Jugendhof Vlotho

VON MIRJAM WESTERMANN


Vlotho (mw). 80 Spinnräder stehen im Kreis, überall sitzen kleine Grüppchen zusammen. Tipps und Komplimente werden ausgetauscht: "Wolle darf nie kalt gewaschen werden, sonst verfilzt sie" oder "Diese Farbzusammenstellung ist echt interessant."




Jürgen Schönwolff präsentiert sein selbst gebautes Spinnrad. Das Original stammt von 1492.

Es ist das sechste Jahrestreffen der Handspinngilde e.V. unter dem Motto "Farben und Färben - Wir machen alles bunt", zu dem 84 Gildenmitglieder zwischen 17 und 70 Jahren aus ganz Deutschland und sogar der Schweiz und England ins LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho anreisten.




"Wir wollen eine jahrtausende alte Tradition nicht in Vergessenheit geraten lassen", erklärt Jürgen Schönwolff, Schriftführer und Vorstandsmitglied die Motivation der Gilde. Alle Mitglieder seien dabei ganz normale Menschen. "Wir sind eine junge Gemeinschaft, die sich abhebt von traditionellen Gilden", weiß der Vlothoer, beispielsweise würden bei ihnen keine Trachten getragen. "Hier haben alle einen modernen Beruf und suchen im Spinnen einen Ausgleich zum Alltagsleben", räumt Schönwolff, der selbst Maschinenbauer ist, mit dem Klischee auf, Handwerksgilden seien zwangsläufig altmodisch.

Trotzdem spielen Traditionen natürlich eine wichtige Rolle, so wurden in den täglich stattfindenden Kursen beispielsweise auch Einweisungen in das Färben mit Pilzen und Heilpflanzen und in das Spinnen mit einfachem Gerät angeboten.

Neben dem Färben von Rohwolle, Garn und Seide stehen auch andere handwerkliche Kurse wie "Märchenhaftes Gestalten" oder "Nisthilfen filzen" auf dem Programm. Außerdem konnten die Teilnehmer die Möglichkeit wahrnehmen, beim Wandern im Burgwald die Umgebung zu erkunden oder in einer nahegelegenen Spinnstube das Experiment Mensch gegen Maschine zu wagen. Petra Voß, Mitglied der Handspinngilde, gelang es dabei, tatsächlich schneller zu spinnen als die Maschine.

Die Handspinngilde besteht seit sechs Jahren und hat inzwischen an die 200 Mitglieder - und die Zahl steigt beständig. Das Haupttreffen findet jedes Jahr in einem anderen Bundesland statt. Die Versammlung 2011 in Franken ist schon in Planung und alle freuen sich schon darauf, dann wieder alte und neue Handwerksbegeisterte zu treffen.

Jürgen Schönwolff hatte übrigens noch ein ganz besonderes Ausstellungsstück im Gepäck: Ein Spinnrad von 1492, das er nach den Plänen von Leonardo Da Vinci selbst nachgebaut hat. Durch die besondere Konstruktion sollte den Spinnern das Arbeiten erleichtert werden, weil das zeitraubende Aufwickeln des Fadens vom Spinnrad selbst übernommen wurde. Allerdings wurde die Maschine damals abgelehnt, weil sie zu klobig erschien. Erst zwei Jahrhunderte später wurde die Konstruktion wiederentdeckt.

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