Freitag, 24. Februar 2012

spinnosophisches zum Wochenende


Diesen Text habe ich auf meinemPC gefunden. Da habe ich letztes Jahr dran rum gebastelt. Er ist auch noch nicht ganz standfest; ich veröffentliche ihn trotzdem,vielleicht gibt mir die eine oder andere noch ein paar Ideen?... 

Handspinnen in Deutschland
- eine  Kulturtechnik ohne Wertschätzung?

Als ich zum ersten Mal vor einem Spinnrad saß, hätte ich nicht gedacht, wie weit dieser knüppelige überdrehte Faden reichen würde.

War es zunächst die Magie, aus einem Material, das an einem Tier wächst, etwas Zierendes, Wärmendes, Eigenes gestalten zu können, verbringe ich heute meine Zeit am Spinnrad und der Spindel auch in dem Bewusstsein, eine uralte Kulturtechnik zu betreiben. 

Besuche von Spinntreffen jeglicher Art zeigen, wie aktiv und lebendig diese Kulturszene ist. 

„Immer wieder finden sich Gleichgesinnte, die das Handwerk weiterhin betreiben und auch weitergeben wollen. Sie sind allerdings versteckt im Gewebe der Gesellschaft…“[1] 

Um diese Verstecke zu verlassen, investieren wir Handspinnende Zeit, nehmen unzählige Wege bei Wind und Wetter in Kauf, schleppen Spinnutensilien in unwegsames Gelände, um auf Veranstaltungen in der Öffentlichkeit zu spinnen, damit wir:
  •   Interesse wecken
  •   Gleichgesinnte ansprechen
  •   Aufmerksamkeit schaffen
  •   In Austausch kommen 
  • u.v.m.

Wir bezeugen insbesondere auch, wie lebendig ein Kulturgut sein kann, das auf jahrtausende von Jahren zurückblicken vermag. Dennoch erfährt diese Tatsache wenig bis kaum die ihr gebührende Wertschätzung.
Meinem gedanklichen Faden möchte ich folgende Fasern hinzufügen:

·         Auf dem Textilmarkt  ´Meinberg spinnt` lernte ich die FLUSEN kennen, eine Spinngruppe, die sich in Bad Salzuflen zum gemeinsamen Schaffen trifft, dort jedoch keinen kostenfreien Raum hat.   
Auch die WOLLKÜREN aus dem Raum Bad Driburg trafen sich reihum in privaten Wohnzimmern, die  die Gruppenstärke von bis zu 15 Handwerkenden kaum noch zu fassen imstande war.
 Eine Anfrage der Gruppe an die örtliche Kirchengemeinde war 2002 abgelehnt worden.    
Mittlerweile hat eine andere Kirchengemeinde einen Raum zur Verfügung gestellt. Geht es anderen Spinngruppen  ähnlich?

·         2011 ist das Geburtsjahr  „neuen“ Berufes TEXTILGESTALTER IM HANDWERK, der das Handspinnen nicht beinhaltet; es soll von den Handwebern mit unterrichtet werden und ist so untergeordnet im Verschwinden begriffen.

·         Immaterielle Kulturgüter werden  von der UNESCO gelistet, „gesammelt“ und geschützt. Wo wird das Handspinnen in unseren Regionen bewahrt?

·         Die Handspinngilde arbeitet auf der Creativa  in Dortmund unter dem Motto: Am Anfang ist der Faden. Sie subsummiert sich selbst und verzichtet auf die Möglichkeit, auf die Exklusivität des Handspinnens hinzuweisen.

·         Ich lese das Buch „Spinnen und Weben“ von Almut Bohnsack. Hier werden die geschichtlichen Zusammenhänge der technischen Entwicklung des Handspinnens dargestellt.

·         Eine Tageszeitung berichtet, dass in Deutschland das Handspinnen von Laien betrieben würde und dass es  hierzulande an Ausbildung mangele.

·         Das Fach „Handarbeit“ scheint aus den Schulen zu verschwinden.

·         Eine Tageszeitung zeigte eine Kindergartengruppe, die sich mit dem Thema Dornröschen und Spinnrad beschäftigt hatte. Abgebildet war ein (für Handspinnende offensichtlich) defektes Spinnrad…


Fasse ich Alles zusammen, komme ich zu der Überlegung, dass
 Handspinnen
1.       als immaterielles Kulturgut kaum wahrgenommen wird,
2.       einen Kulturschatz darstellt, dessen Lebendigkeit- sobald es außerhalb von Museen stattfindet- in den Händen ehrenamtlich Tätiger  liegt,
3.       eine Lobby benötigt, die sich außerhalb der Gruppe der Handspinnenden befindet.

Es stimmt bedenklich, dass ehrenamtliche Kulturguterhaltende und –weiterentwickelnde – was wir Handspinnende ja sind- wenig gesellschaftliche, kulturelle, kulturpolitische Unterstützung erhalten, wenngleich unser Tun, wenn wir es auf öffentlichen Veranstaltungen vorstellen, Begeisterung, Neugier, Interesse und Anerkennung findet. 

Wichtig ist es daher m.E., Argumente zu sammeln und Gedanken  zu spinnen, a) um sich über sein eigenes Tun bewusst zu sein, aber auch um  b) diesem Tun in unserer Kultur zu seinem Platz zu verhelfen.


Handspinnen- ein schützenswertes immaterielles Kulturerbe

„Kultur ist nicht nur der Genuss oder der Erhalt derselben, sondern das lebendige Vermögen sie herzustellen.“[2] Handspinnende beschäftigen sich mit  einer der „bedeutendsten Erfindungen der Urzeit“[3] . Sie setzen somit die Tradition dieser  (inter-) kulturellen Errungenschaft fort und tragen dazu bei, dass diese Fähigkeit als immaterielles Kulturgut nicht verlorengeht.

Spinnen von Fasern zu Fäden führte und führt zu textilen Gebrauchsgegenständen, die ehemals der Selbstversorgung von Gemeinschaften, heutzutage jedoch zur Selbst-Versorgung der Einzelnen dienlich sind.

Handspinnen ist weder ein museales Relikt noch überflüssig, wenngleich Kleidung zum Erwerb in Hülle und Fülle vorhanden ist. Handspinnen ist von einer tiefen, weitgreifenden Sinnhaftigkeit geprägt, ihm wohnt ein hohes Bildungspotential inne.
Gesponnen wird aus den unterschiedlichsten Motiven, gemein ist allen Handspinnenden, dass sie mit immenser kreativer Schaffenskraft i.d.R. jenseits von ertragreicher, marktorientierter Produktivität mit den Händen wirken, ohne im eigentlichen Sinne Handwerker zu sein.
 Dient das (ausbildende) Handwerk dazu, seinen Lebensunterhalt zu erarbeiten und auch festgelegte Standards zu erlangen, ist das Handspinnen heute individuell in qualitativer und quantitativer Hinsicht, luxuriös insbesondere mit Blick auf den Zeitfaktor, infolgedessen auch unerschwinglich und grundsätzlich nicht bezahlbar.

„Das Spinnen ist eine der fundamentalsten textilen Techniken, dann sie geht vielen anderen (vor allem flächenbildenden Techniken) voraus und bestimmt auch ihre Ergebnisse.“[4] 
 In der „postindustriellen Handwerkskultur“[5] findet das Handspinnen keinen Platz. 
Im neuen Beruf „Textilgestalter im Handwerk“ ist das Spinnen nicht erwähnt[6]. Dennoch gilt „[7]das Prinzip Handwerk, unter dem wir die Fähigkeit verstehen, unsere Probleme praktisch zu lösen und unserer Umwelt eine Gestalt zu geben“ auch für das Handspinnen.

Mit dem Ende der häuslichen Textilindustrie im 18.Jahrdhundert endet ein Erwerbszweig, der “ sich kümmerlich vom langen Faden nährte“[8]. Gleichwohl sind Spinngruppen , Spinntreffen und jedes Wohnzimmer, in dem heutzutage handgesponnen wird, „Bewahrungsorte alter Erinnerungen des Volkes“[9],
 weil sie eine Kulturtechnik, die der Erfindung des Rades vorausging[10], bewahren, handhaben und weiterentwickeln.

Schlussfolgerungen
Handspinnen stellt einen basalen Teil unseres kulturellen Vermögens dar, dessen Erhalt und Weitergabe der Wertschätzung bedarf. 
Handspinnende schützen mit ihrem Tun ehrenamtlich den Bestand und die Weiterentwicklung einer uralten Kulturtechnik, ihre visionäre Schaffenskraft sucht ihres gleichen: Wer außer ihnen durchdenkt beim Anblick eines Vlieses von Rohwolle die Verarbeitung desselben in kleinen Schritten und sieht das zu erarbeitende  textile Werk vor seinem geistigen Auge?  

In der heutigen Zeit geschieht das Handspinnen auch als emanzipatorischer Akt, der die Welt nicht fragmentarisch und bezugslos erleben lässt, sondern Gestaltungsmöglichkeiten bietet, die zur Erlangung von Weltaneignungs-und Weltgestaltungskompetenz beitragen. 

Kultur als Weltaneignungs- und Weltgestaltungskompetenz definiert, meint die Fähigkeit,  die Welt schöpferisch zu gestalten[11]; die  Reproduzierbarkeit und Zukunftsfähigkeit  der Kultur einer Gesellschaft hängt von dieser schöpferischen Fähigkeit ab.

Wer auf das Training basaler Fertigkeiten, die von der Hand in den Verstand reichen, verzichtet, verzichtet auch auf einen zentralen Aspekt unserer Kultur, das „… Prinzip des Erlernens und Übens von Fertigkeiten, des persönlichen Engagements und Wunsches, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen“[12].

Glücklicherweise wurde die Handspinngilde e.V.  im Jahre 2004 gegründet. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die alte Kunst des Handspinnens zu fördern und versteht sich als Ansprechpartner für alle Fragen zum Thema Handspinnen und verwandten Themen.[13]

Die Informationsgesellschaft kann auf tätige Hände nicht verzichten. Betreiben und verbreiten wir also unser Hand-Werk,  verdeutlichen wir seine Tragweite und seine Dimensionen, schaffen wir Verbindungen zu Nicht-Handspinnenden, um den Wert unseres Tuns nachhaltig schöpfen zu können.
Auf Anregungen über das Wie freut sich

mit Lg
Sabine
Die Literaturliste ist nicht fertig, sind eher Wegweiser für mich...

[1] Friedl Balaban HSP 18
[2] Christiane Ax
[3] Bohnsack
[4] Textile Techniken
[5][5] Christine Ax
[6] Helga Heubach berichtet:
[7] C. Ax S. 51
[8] Lasst uns gutes Garn spinnen S. 31
[9] ebenda
[10] Filzfee
[11] Vergl. Christine Ax
[12] Sabine Wilp Weben+ 14 s.6
[13] http://www.handspinngilde.org/

Kommentare:

  1. Liebe Sabine,
    was ein toller Artikel.Mir geht gerade ganz viel durch den Kopf und wenn ich es schaffe das zu formulieren, werde ich wahrscheinlich noch Mal schreiben.Aber auf diesem Wege schon mal vorab meine Anerkennung. Vielen Dank, dass du deine Gedanken zu einem so treffenden und anregendem Artikel zusammengefasst hast. Ganz liebe Grüße, Chanti

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  2. Liebe Sabine,
    was für ein Text - welche Überlegungen. Du überraschst mich wieder einmal sehr positiv.
    Wenn ich gerade die Zeit hätte - sie rennt mir aber davon. Ich würde mich gerne in Deine Überlegungen einbringen ...
    Liebe Grüße

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  3. Liebe Sabine,
    wundervolle Gedanken hast du dir da gemacht. Eigentlich sollte dieser Artikel in allen Spinnblogs veröffentlich werden. Liebe Grüße Alex

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